Sexualität und chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)

CED und (sexuelle) Beziehung

Wie jede andere unerwartete Veränderung kann eine CED auch Auswirkungen auf den Partner und die Beziehung haben. Das ist ganz normal, denn auch das Leben des Partners verändert sich mit der Diagnose, und das bedeutet erst einmal eine Irritation für beide.

Diese Phase kann für das Paar auch eine grosse Chance sein, aus eingefahrenen Beziehungsmustern auszusteigen und die Beziehung neu zu definieren. Bei vielen kommt es zu einer Vertiefung der emotionalen Verbundenheit. Die wichtigsten "Werkzeuge" für eine partnerschaftliche Zufriedenheit sind gute Kommunikation, Austausch von Zärtlichkeiten und gemeinsame befriedigende Erlebnisse.

Jede chronische Erkrankung kann Auswirkungen auf die eigene Sexualität und in der Folge auch auf die des Partners haben. Jeden Partner kann das Thema anders betreffen. Der eine kann lustlos werden und/oder selbst Funktionsstörungen zeigen, der andere ist kaum oder nicht beeinträchtigt. Oft paart sich die Sorge um den Kranken mit dem Gefühl der Unsicherheit, wie man unter den geänderten Umständen mit den eigenen körperlichen und sexuellen Bedürfnissen umgehen soll, ohne den anderen zu bedrängen oder zu belasten.

Es kann aber auch sein, dass sich krankheitsbedingt oft unbemerkt die Rollenverteilung in der Beziehung verändert. Aus zwei Sexualpartnern werden ein Pfleger und ein Kranker. Diese neue Konstellation kann es dem "Pfleger" schwer machen, in die Rolle des Sexualpartners zu wechseln.

Manchen Betroffenen kann es nach Wegfallen der Krankheitssymptome eventuell schwer fallen, wieder sexuell aktiv zu werden. Der Wunsch nach einem erfüllten Sexualleben kann wieder stärker in den Vordergrund treten, gleichzeitig aber auch die Angst vor unangenehmen Situationen.

Auch die Angst vor einem erneuten Krankheitsschub kann bei vielen Personen ein Stressgefühl erzeugen, was wiederum zu einer Einschränkung der sexuellen Bedürfnisse und Funktionen führen kann. In dieser Phase kann es für das Paar sehr entlastend sein, irritierende Themen anzusprechen und sich bei Bedarf professionelle Hilfe zu holen.

Tabuthemen Sex, unkontrollierte Darmentleerung, Stoma

Chronische Erkrankungen wie CED können Auswirkungen auf die Sexualität haben. Das Thema betrifft jeden Patienten auf unterschiedliche Art und Weise, ebenso wie der Leidensdruck bei sexuellen Störungen unterschiedlich bewertet wird.

Sexualität ist jedoch ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Die sexuelle Gesundheit ist genauso Teil der Gesamtgesundheit, wie andere Gesundheitsbereiche. Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, offen über ihre Sexualität zu sprechen, nicht nur Ärzten und Therapeuten, sondern auch dem Partner gegenüber. Genauso schwer fällt es den meisten Menschen, über unkontrollierte Darmentleerung oder über das Tragen eines Stomas zu sprechen. Treffen diese Tabuthemen zusammen, liegt die Hemmschwelle noch höher, sich dem Partner, dem Arzt oder einem Therapeuten anzuvertrauen.

Zudem muss die Frage gestellt werden, ob die Sexualstörungen Folge eines körperlichen Problems sind, das mit der Grundkrankheit CED zusammenhängt: Trägt der Patient ein Stoma oder ist der Geschlechtsverkehr aufgrund von Fisteln und Verwachsungen schmerzhaft? Ist die Produktion der Sexualhormone durch die medikamentöse Behandlung beeinträchtigt? Erstickt die andauernde Müdigkeit jegliche sexuelle Lust im Keim? Oder hängt die Störung eher mit der psychischen, emotionalen und sozialen Ausnahmesituation des Patienten zusammen?
 

Tipps für Stomaträger 

  • Setzen Sie sich mit dem veränderten Körperbild auseinander. Duschen Sie ohne Stomabeutel. Betrachten Sie sich ohne Kleider im Spiegel. Entdecken Sie, wo Ihr Körper besonders attraktiv ist.

  • Gewinnen Sie Sicherheit mit der Stomaversorgung. Suchen Sie immer wieder Unterstützung bei Stomaberatern und probieren Sie gegebenenfalls verschiedene Systeme und Zusatzhilfsmittel aus.

  • "Verstecken" Sie den Stomabeutel für intime Begegnungen z. B. unter einem Spitzengürtel mit eingearbeiteter Tasche, in Stoffüberzügen für Stomabeutel oder in selbst kreierten Dessous.

  • Essen Sie unmittelbar vor einer romantischen Stunde wenig oder nehmen Sie gegebenenfalls nach Rücksprache mit Ihrem Arzt peristaltikhemmende Medikamente ein.
     

Erste Ansprechpartner bei Sexualstörungen

Erster Ansprechpartner bei Sexualstörungen sind sicherlich der behandelnde Arzt, sowie Fachkräfte, die den Patienten im klinischen Alltag betreuen. Alternativ können sich Betroffene an ein sexualmedizinisches Beratungszentrum oder an Ärzte wenden, die sich auf die Behandlung von Sexualstörungen spezialisiert haben. Für Patienten in einer bestehenden Partnerschaft kann es hilfreich sein, wenn sie sich als Paar informieren und Hilfe suchen. Andere wiederum möchten in dieser Situation alleine sein.

Gerade dieser erste Schritt ist oft der schwierigste: sich einzugestehen, dass man Hilfe benötigt. Sich zu informieren, wo es Angebote gibt. Sich zu überwinden, den Kontakt herzustellen. Sich darauf einzulassen, einer wildfremden Person sein Sexualleben anzuvertrauen. Doch seien Sie beruhigt: Die genannten Ansprechpartner beschäftigen sich beruflich und somit tagein, tagaus mit Sexualstörungen und werden Ihnen verständnisvoll und vorurteilsfrei zuhören, allenfalls erforderliche körperliche Untersuchungen veranlassen und mit Ihnen einen Behandlungsplan erarbeiten.

Auch die Ansicht: "Es ist unwahrscheinlich, einen Arzt zu finden, der mir helfen kann." darf heute nicht unwidersprochen bleiben. Denn in den letzten Jahren wurden zahlreiche lnitiativen ergriffen, um auch die Ärzteschaft für das Thema Sexualität und Sexualstörungen zu sensibilisieren. lnzwischen steht eine Vielzahl von Beratungszentren und Behandlungsformen zur Verfügung, die dazu beitragen können, auch Ihnen - trotz chronischer Erkrankung - ein erfülltes Sexualleben zu ermöglichen.

Was tun, wenn die Erkrankung meine Sexualität verändert hat?

Jeder von uns erlebt im Laufe seines Lebens Veränderungen, die sich auch auf die Sexualität auswirken können. Und jeder, auch ein CED-Patient, wird seine ganz persönliche Lösung finden, die eine erfüllte Sexualität wieder möglich macht.

Der erste Schritt zur Lösung ist das Eingeständnis, dass es ein Problem gibt. Danach ist es wichtig, mit dem Partner ein offenes Gespräch zu führen. Erleichtert wird das Gespräch, wenn man vorher für sich selbst Folgendes klären kann:

  • Was kann der Körper unter den neuen Umständen alles?
  • Wann ist er fit genug für eine intime Begegnung?
  • Welche Berührungen sind wohltuend, welche weniger?
  • Welche Umstände sind förderlich, welche behindernd?
  • Was könnte der Partner unter den neuen Bedingungen Gutes tun?
  • Was könnte ich konkret benötigen, wenn es um Sex geht? Ist es ein Gespräch, eine Umarmung, ein warmes Bad, ein bestimmtes Medikament, ein vorheriger Gang zum WC?

Tipps, wenn sich die sexuelle Beziehung verändert hat

Positive Veränderungen beginnen schon damit, dass Sie sich Klarheit über folgende Punkte verschaffen:

  • Wie hat sich die Beziehungsrolle verändert?
  • Wie geht es mir mit dieser Rollenänderung?
  • Weiss ich, wie es meinem Partner mit der Veränderung geht?
  • Traue ich mich, mit meinem Partner darüber zu reden? Wenn nicht, was hindert mich daran?
  • Was ist für mich bzw. für meinen Partner Sexualität?
  • Kann ich über meine sexuellen Bedürfnisse reden? Wenn nicht, was hindert mich daran?
  • Habe ich den Eindruck, dass ich/wir es ohne Hilfe schaffen, eine neue Sexualität aufzubauen?
  • Kann ich, wenn nötig, Hilfe annehmen? Wenn nicht, was hindert mich daran?

Jetzt steht einem klärenden Gespräch mit dem Partner mit oder ohne professionelle Unterstützung nichts mehr im Weg.
 

Sexualmedizinische Beratung

Schon in einer sexualmedizinischen Basisberatung mit dem behandelnden Arzt lassen sich erfahrungsgemäss viele der brennendsten sexualmedizinischen Probleme lösen. Im Rahmen eines solchen Gespräches kann mit dem Arzt erörtert werden, welche medizinischen und therapeutischen Massnahmen die Krankheit und in der Folge die Sexualität positiv beeinflussen können.

Patienten, die sich intensiver mit ihrer Sexualität auseinandersetzen wollen oder denen diese ersten beschriebenen Schritte nicht ausreichend erscheinen, stehen weiterführende Behandlungsmöglichkeiten offen. Dazu zählen neben einer medikamentösen Therapie auch Sexualberatung, Sexualtherapie und Psychotherapie.
 

Medikamentöse Möglichkeiten bei Sexualstörungen

In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Medikamenten entwickelt und verbessert, um unterschiedliche Facetten von Sexualstörungen bei Männern und Frauen zu behandeln. Dazu zählen "Potenzmittel", die bei Erektionsstörungen wirksam sind oder spezielle Medikamente, die gezielt bei vorzeitigem Samenerguss eingenommen werden können sowie Substanzen zur Anregung der Lubrikation (Scheidenflüssigkeit) für Frauen.

Für viele Patienten eignen sich auch bestimmte Hormone, die lokal oder systemisch verabreicht werden, sowie Gleitgele und Feuchtigkeitsmittel. Manche dieser Medikamente sind verschreibungspflichtig, andere können direkt von Betroffenen in der Apotheke gekauft werden. Die allermeisten dieser Medikamente können auch von CED-Patienten benutzt werden. Die Einnahme sollte aber mit dem behandelnden Gastroenterologen abgestimmt werden.

Tipp:
lmmer mehr Patienten suchen Rat in diversen Online-Foren und tauschen sich mit "Leidensgenossen" aus. Sexualstörungen werden besonders gerne thematisiert, da das Internet eine gewisse Anonymität bietet. Aber: Bedenken Sie, dass Massnahmen, die für den einen gut sind, für den anderen im besten Fall wirkungslos, im schlechtesten Fall sogar schädlich sein können. Befolgen Sie daher nicht bedenkenlos alle "guten Ratschläge" aus dem Internet.
 

Greifen Sie ohne Rücksprache mit lhrem Arzt niemals zu Medikamenten, Potenz- und anderen Hilfsmitteln, die Ihnen im Internet, in Blogs oder in sozialen Medien empfohlen werden. Das Internet ist eine wertvolle lnformationsquelle, ersetzt aber nicht das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten!

CH-NON-00030; erstellt im September 2019

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